Pressenotiz

Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche feiert am 11.9. 2010 den Kauf der St. Mikaels-Kirche in Köln-Longerich, feiert den Umstand, dass nun ein Stück Äthiopien in Deutschland existiert. Die St. Mikaels-Kirche ist zwar keine aus Holz gebaute Rundkirche, wie sie im ländlichen Äthiopien typisch ist, dennoch eine typische orthodoxe Kirche, wie sie auch in Äthiopien stehen könnte. Wie bei allen orthodoxen Kirchen ist der Altarraum vom eigentlichen Kirchenraum abgetrennt und die Kirche ist typisch für Äthiopien geschmückt mit farbenprächtigen Bildern. Der Altar selbst ist ein Geschenk des koptischen Klosters in Höxter als Zeichen der langjährigen Verbundenheit der koptischen (ägyptischen) Kirche (Patriarchat von Alexandrien) mit der äthiopischen Kirche.

 Es ist kaum zu glauben, dass die äthiopische Kirche erst seit 1959 eine eigene Hierarchie, also eine eigenständige Kirchenorganisation besitzt, die Kirche aber seit 328 besteht. Die äthiopische Kirche hat hunderttausende von Priestern, von denen sie nur einen äußerst geringen Teil, vielleicht tausend, alimentieren kann, während der Rest sich selbst überlassen ist und selbst für den Lebensunterhalt sorgen muß. Dies ist aber eine uralte Tradition in Äthiopien. Die Kirche hat viel Land, ungefähr ein Drittel des Landes aufgrund einer Schenkung des Kaisers, so dass jede Pfarrei, jede Gemeinde genug Land hatte, um einen Priester samt Familie zu ernähren. Das heißt aber, dass der Priester wie jeder andere Bauer in der Woche sein Land bestellen muß und nur Sonntags speziell seiner geistigen, pastoralen Aufgabe nachkommen kann. Es ist somit kein Wunder, dass der wissenschaftliche Standard der äthiopischen Priester nicht so hoch sein kann, auf der anderen Seite ist aber der christliche Glaube tief und fest im äthiopischen Volk verankert.

 Diese tiefe Verankerung des christlichen Glaubens im Volk konnte aber nicht verhindern, dass vor knapp vierhundert Jahren muslimische Eroberer fast das ganze christliche Kaiserreich Äthiopien besetzten und seit dieser Zeit auch nach der Beendigung des blutigen Krieges knapp 1/3 der Einwohner des Landes Muslime blieben. Seit dieser Zeit, Mitte des 17.Jahrhundert ist Äthiopien auch als christliches Kaiserreich ein Beispiel dafür, dass die großen Religionen über Jahrhunderte ohne große Konflikte nebeneinander leben können. Heute fühlt sich die arme äthiopische Kirche, die unter der kommunistischen Herrschaft enteignet worden war, sehr bedrängt von dem agressiven Islam, der unterstützt durch die Petrodollars eine deutliche Veränderung herbeiführen will. Die äthiopisch Kirche war so trotz der Koexistenz im Inneren über Jahrhunderte in Afrika das Bollwerk gegen den expansiven Islam. Aber nicht nur der Islam bedrängt die uralte orthodoxe äthipische Kirche, sondern auch die Missionsbemühungen der europäischen und amerikanischen protestantischen Kirchen.

 Die äthiopische Kirche war über Jahrhunderte eine Kirche mit einer äußerst flachen Hierrarchie, es gab einen Patriarchen, der teilweise noch nicht einmal die Landessprache sprach, denn der Patriarch war typischerweise ein ägyptischer Mönch, und hunderttausend gleichberechtigte Priester, eine wahrhaftig anarchische Situation. Dennoch hat die äthiopische Kirche wunderbarerweise ihre innere Einheit bewahrt, die es ihr ermöglichte, auch in Zeiten der äußersten Prüfung wie durch die Verfolgungen des kommunistischen Regimes zu überleben, im Heimatland und auch in der Fremde, wohin es die Verfolgten verschlagen hat.

Deutschland hat trotz der großen Entfernung zu Äthiopien viele äthiopische Flüchtlinge aufgenommen, die in den 70 iger Jahren des 20.Jahrh. froh waren, in Deutschland überleben zu können.. Gleichzeitig promovierte in Heidelberg ein junger äthiopischer Priester, der nach Rußland und Deutschland gekommen war, um sein theologisches Wissen zu vertiefen. Aus den ersten Gottesdiensten für die Flüchtlinge, die behelfsmäßig im Studentenheim gefeiert wurden, entstand später die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland. Dies war ein langer Weg, eine Zusammenarbeit vom verstorbenen Professor Friedrich Heyer, ein Freund, Kenner und Förderer der äthiopischen Kirche, und dem damaligen Superintendenten Kock, der für die tatkräftige ökumenische Hilfe seitens der evangelischen Kirche stand, und dem Priester Dr. Merawi Tebege, der seine Zukunftsperspektiven in Äthiopien beiseite schob und sich bereit erklärte, in der mittellosen Kirche zu wirken und die Flüchtlinge um sich zu sammeln, die dann wirklich zur Gründung einer äthiopischen Kirche auf deutschen Boden führte. Viele Schwierigkeiten mußten überwunden werden, von einer sei heute noch berichtet. Die äthiopische Kirche war seit ihrer Gründung eine Staatskirche, der Kaiser ließ sich 328 taufen und erklärte das Christentum mehr oder weniger deutlich zur Staatsreligion. Die Kirche war so immer eng mit dem politischen Machthaber verbunden. Die Flüchtlinge waren froh, Äthiopien verlassen zu haben, da die Machthaber ihr Leben bedrohten, und sie wollten keinesfalls auch im sicheren Deutschland wieder in einer Kirche sein, die mit den kommunistischen Machthabern zusammenarbeitet. Für den Priester war aber klar, dass er keine Spaltung seiner Kirche wollte, dass nur eine solche Lösung in Betracht kommt, in der die deutsche Gemeinde ein Teil der Mutterkirche in Äthiopien ist. Zur Lösung des Konfliktes hat vielleicht das persönliche Beispiel des Priesters beigetragen. Er hatte als Priester der äthiopisch-orthodoxen Kirche Gottesdienste von der Deutschen Welle diese improvierten Gottesdienste mit den Flüchtlingen, aufnehmen lassen, die dann nach Äthiopien gesendet wurden. Dies zu einer Zeit, als die kommunistischen Machthaber eine solche Übertragung von Gottesdiensten als feindliche Propaganda verboten hatten. Die Stimme des Heidelberger Studenten war so die einzige Stimme eines Priester, die in Äthiopien gehört werden konnte, so hat er mit der deutschen Technik Treue zur Kirche und Widerstand gegen das Regime verbunden.

 Am. 15.05.1983 gelang es dann die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland zu gründen, wobei Herr Präses i.R. Manfred Kock dafür sorgte, dass die protestantische Luther-Kapelle in Köln-Longerich der neugegründeten Gemeinde als Gottesdienstraum zur Verfügung stand. In der Tradition der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche haben die Engel eine besondere Bedeutung und so erhielt von der neugegründeten äthiopischen Kirche ihr Gottesdiensthaus den Namen St. Mikaels-Kirche, St. Mikael ist also der Patron der neuen Gemeinde auf fremden Boden. Es ist selbstverständlich, dass die Gemeindefeste an den Festtagen des Erzengels Michael gefeiert werden. Die äthiopische Gemeinde hatte das Glück, dass eine wahrhaft ökumenische gesinnte evangeliche Kirchengemeinde sie aufnahm und dass sich hieraus eine Freundschaft entwickelte.Aus der gemeinsamen Nutzung des Gotteshauses wurde die alleinige Nutzung durch die äthiopische Kirche, aus dem nüchternen protestantischen Bau eine bunt ausgeschmückte orthodoxe Kirche.Passend zur äußeren Gestaltung der Kirche als Kleinod des Jugendstils erhielt die Kirche einen Jugendstilengel, der aus einer Kölner Kirche gerettet wurde, geschenkt.

 Wie die Flüchtlingskirche, die zu Beginn nichts hatte, im Laufe von ungefähr 27 Jahren dazu kam, so viel Geld zu sammeln, dass sie die Kirche kaufen konnte, bleibt ihr Geheimnis, aber mit eiserner Sparsamkeit und viel Gottvertrauen ist dies gelungen. Die arme Flüchtlingskirche war in der Lage, die alte Luther-Kapelle, die schon zur St. Mikaels-Kirche geworden war, zu einem gutachterisch festgesetzten Preis zu kaufen.

Kurz nach dem Kauf geschah dann das Unglück, ein Wasserschaden mit großen Folgeschäden machte die Nutzung der Kirche unmöglich. Das Fest zum Erwerb der Kirche mußte verschoben werden, denn es gab nichts mehr zu feiern nur zu ärgern. Heute, im Rückblick können wir sagen, es geschah etwas Wunderbares. Alle halfen, um die Schäden zu beseitigen und dies ist gelungen. In einem beispiellosen Kraftakt gelang es der Gemeinde nicht nur die konkreten Schäden zu beseitigen, sondern die ganze Kirche samt Außengelände zu renovieren und neu zu gestalten. Die äthiopischen Gemeindemitglieder haben durch ihr konkretes Mitwirken deutlich unter Beweis gestellt, dass es ihr Gottesdiensthaus ist, welches sie ihrer Mutterkirche geweiht haben.

 Es entspricht der Tradition der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, dass das Gottesdiensthaus, die Kirche heilig ist, heiliger Boden, so dass die Schuhe draußen bleiben. 

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